Daß der Irre noch einen letzten Rest Geist verspürt, bevor er endgültig in eine schroffe und spröde Aphasie versinkt, kann man eventuell anhand eines der letzten Briefe Nietzsches an seinen Freund Franz Overbeck erahnen. Dort spricht Nietzsche in einem der sogenannten »Wahnbriefe« seinen in der Tat ehrlichen Wunsch aus: »Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen«;1 und bezeugt damit die Möglichkeit des Falles, mit denen ein Irrer nicht völlig irrational oder gar ganz wahnsinnig sein muss. Jedoch zeigt sich damit wiederum auch, daß man eigentlich nicht allen Ernstes behaupten kann, daß einem der Geist gehöre. Im Falle Nietzsches muss man noch dazu sagen, daß er eine Ideologiekritik aushändigt, ohne die die Psychoanalyse nicht so ohne Weiteres verständlich wird, trotz das er sich auf die Seite der »totalen Ideologie«2 geschlagen hat, ist er eigentlich auf nichts anderes aus gewesen, mit seiner Philosophie eine Vernunft des Leibes zu artikulieren. Wobei angesichts seines Werdegangs konstatiert werden muss, das er, gemessen an diesem von ihm selbst artikulierten Anspruch, gescheitert ist, muss er doch unfreiwillig den Geist aufgeben, als er dem Zustand verfällt, der ihn seiner antisemitischen Schwester schutzlos ausliefert, die er, als er noch bei Verstand ist, wegen ihres Antisemitismus verachtet.
1 Friedrich Nietzsche, Brief dem Freunde Overbeck und Frau, Turin, um den 4. Januar 1889, zit. n. Curt Paul Janz, Friedrich Nietzsche. Biographie, Bd. 2, S. 648, München/Wien 1993. Oder auch: >.
2 Das sagt Adorno zu Nietzsche [GS 6, ND, S. 171]. Jedoch wird dieses Urteil in seiner Komplexität erst dadurch einsichtig, in dem man bedenkt, was Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung an ihm würdigen: „Nietzsche hat wie wenige seit Hegel die Dialektik der Aufklärung erkannt. Er hat ihr zwiespältiges Verhältnis zur Herrschaft formuliert. Man soll »die Aufklärung ins Volk treiben, daß die Priester alle mit schlechtem Gewissen Priester werden –, ebenso muß man es mit dem Staate machen. Das ist Aufgabe der Aufklärung, den Fürsten und Staatsmännern ihr ganzes Gebaren zur absichtlichen Lüge zu machen …« Theodor W. Adorno, GS 3, Dialektik der Aufklärung, Exkurs I: Odysseus oder Mythos und Aufklärung, S. 62, Frankfurt/M. 2003.
