Mai 15, 2013
Aus meinen Lektüren II

Daß der Irre noch einen letzten Rest Geist verspürt, bevor er endgültig in eine schroffe und spröde Aphasie versinkt, kann man eventuell anhand eines der letzten Briefe Nietzsches an seinen Freund Franz Overbeck erahnen. Dort spricht Nietzsche in einem der sogenannten »Wahnbriefe« seinen in der Tat ehrlichen Wunsch aus: »Ich lasse eben alle Antisemiten erschießen«;1 und bezeugt damit die Möglichkeit des Falles, mit denen ein Irrer nicht völlig irrational oder gar ganz wahnsinnig sein muss. Jedoch zeigt sich damit wiederum auch, daß man eigentlich nicht allen Ernstes behaupten kann, daß einem der Geist gehöre. Im Falle Nietzsches muss man noch dazu sagen, daß er eine Ideologiekritik aushändigt, ohne die die Psychoanalyse nicht so ohne Weiteres verständlich wird, trotz das er sich auf die Seite der »totalen Ideologie«2 geschlagen hat, ist er eigentlich auf nichts anderes aus gewesen, mit seiner Philosophie eine Vernunft des Leibes zu artikulieren. Wobei angesichts seines Werdegangs konstatiert werden muss, das er, gemessen an diesem von ihm selbst artikulierten Anspruch, gescheitert ist, muss er doch unfreiwillig den Geist aufgeben, als er dem Zustand verfällt, der ihn seiner antisemitischen Schwester schutzlos ausliefert, die er, als er noch bei Verstand ist, wegen ihres Antisemitismus verachtet.

1 Friedrich Nietzsche, Brief dem Freunde Overbeck und Frau, Turin, um den 4. Januar 1889, zit. n. Curt Paul Janz, Friedrich Nietzsche. Biographie, Bd. 2, S. 648, München/Wien 1993. Oder auch: >.

2 Das sagt Adorno zu Nietzsche [GS 6, ND, S. 171]. Jedoch wird dieses Urteil in seiner Komplexität erst dadurch einsichtig, in dem man bedenkt, was Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung an ihm würdigen: „Nietzsche hat wie wenige seit Hegel die Dialektik der Aufklärung erkannt. Er hat ihr zwiespältiges Verhältnis zur Herrschaft formuliert. Man soll »die Aufklärung ins Volk treiben, daß die Priester alle mit schlechtem Gewissen Priester werden –, ebenso muß man es mit dem Staate machen. Das ist Aufgabe der Aufklärung, den Fürsten und Staatsmännern ihr ganzes Gebaren zur absichtlichen Lüge zu machen …« Theodor W. Adorno, GS 3, Dialektik der Aufklärung, Exkurs I: Odysseus oder Mythos und Aufklärung, S. 62, Frankfurt/M. 2003.

April 26, 2013
"Andererseits ist einleuchtend, daß die philosemitische Restaurationsideologie wie ein übersäuerter See irgendwann umkippen mußte. In der falschen Antwort auf den Massenmord: Nämlich in der Einbildung gute Juden zu schaffen, anstatt in der Realität die schlechten Deutschen abzuschaffen, lag schon der künftige Umschlag ins gefährliche Ressentiment beschlossen. Es hat seine nur dürftige Hülle aus guten Vorsätzen und edlen Absichten bereits abgestreift. Und der Widerstand dagegen ist darum so hilflos, weil sich die Verteidiger, wenn auch anders gemeint, nur zurückziehen, worauf die Angreifer hinauswollen, auf Sonderbehandlung."

— Eike Geisel: Lastenausgleich, Umschuldung, via Kosmol I’Uwi.

April 11, 2013
Schweren Herzens

Am 11. April 2013 jährt sich der „Austritt“ der jüdischen Mitglieder zum 80ten Mal. Tennis Borussia nimmt dies zum Anlass, allen zu gedenken, die von den Nazis verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden.
26. Dezember 1932. An Tennisclub Borussia. Lietzenburgerstr. 36. Sehr geehrter Herr Präsident, beginnt Arnold Schönberg einen Brief, der ihm außerordentlich schwer fällt. Wie kaum ein anderer verkörpert der Zwölftonkomponist den intellektuellen und künstlerischen Aufbruch während der  ersten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts. Und er zeigt sich hellsichtiger als viele seiner Zeitgenossen. Am Zweiten Weihnachtsfeiertag jedenfalls bereitet der tennisbegeisterte Musiker seine Emigration vor – rund einen Monat bevor Reichspräsident von Hindenburg Adolf  Hitler zum Reichskanzler ernennt. Weil ich aber leider nicht weiss, ob wir in Berlin sein werden, bittet Schönenberg den 1. Vorsitzenden der Veilchen, Dr. Otto Kuttner, schweren Herzens darum, meinen Austritt zur Kenntnis zu nehmen. Hier weiter lesen 

Schweren Herzens

Am 11. April 2013 jährt sich der „Austritt“ der jüdischen Mitglieder zum 80ten Mal. Tennis Borussia nimmt dies zum Anlass, allen zu gedenken, die von den Nazis verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden.

26. Dezember 1932. An Tennisclub Borussia. Lietzenburgerstr. 36. Sehr geehrter Herr Präsident, beginnt Arnold Schönberg einen Brief, der ihm außerordentlich schwer fällt. Wie kaum ein anderer verkörpert der Zwölftonkomponist den intellektuellen und künstlerischen Aufbruch während der  ersten 30 Jahre des 20. Jahrhunderts. Und er zeigt sich hellsichtiger als viele seiner Zeitgenossen. Am Zweiten Weihnachtsfeiertag jedenfalls bereitet der tennisbegeisterte Musiker seine Emigration vor – rund einen Monat bevor Reichspräsident von Hindenburg Adolf  Hitler zum Reichskanzler ernennt. Weil ich aber leider nicht weiss, ob wir in Berlin sein werden, bittet Schönenberg den 1. Vorsitzenden der Veilchen, Dr. Otto Kuttner, schweren Herzens darum, meinen Austritt zur Kenntnis zu nehmen. Hier weiter lesen 

März 11, 2013

Lesung und Diskussion mit Tuvia Tenenbom, Moderation Hermann L. Gremliza (KONKRET) - Mitschnitt aus der Bar “GOLEM” vom 07. März 2013.

Iris Minich liest die Passage aus dem Buch, Georg-Felix Harsch übersetzt.

Tuvia Tenenbom, Sohn eines Rabbiners in Jerusalem, entdeckt Deutschland: Stadt, Land, Fluß, Kirchen, Kneipen, den Weltmeister der Herzen und seine KZs, seine Studenten, Professoren, Banker, Industriellen, Politiker, Künstler, er spricht mit Helmut Schmidt, Kai Diekmann, Adolf Sauerland, Helge Schneider, Peter Scholl-Latour, Horst Tomayer und vielen anderen. Er kam mit zwei Vorurteilen und reist ab mit einem Urteil: “Es wird viel leichter sein, Frieden zwischen Arabern und Juden zu schließen, als den Judenhaß der Deutschen auszumerzen. Er hüllt sich in geistreiche, komplizierte Argumente und verbirgt sich hinter tausend Masken.”

(via naipan)

März 3, 2013
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Wer kennt es nicht, das immer wiederkehrende Dejavu, das einem in der kurzen Pause zwischen der Phrase, „ich bin solidarisch mit Israel“ und dem darauf folgenden „aber“ überkommt. Für die Vervollständigung dieses Satzes, findet man bei so mancher Vokü ein Angebot an Möglichkeiten, mit dessen Mannigfaltigkeit man dazu imstande wäre ganze Enzyklopädien zu füllen. Der Bestand erstreckt sich von der Kritik an der Siedlungspolitik, über die Störrigkeit der israelischen Regierung bei Friedensgesprächen bis hin zum Anprangern der Unverhältnismäßigkeit israelischer Verteidigungsaktionen. Bei all diesen – im Sinne des Anklägers – legitimen Kritikpunkten, scheint die Notwendigkeit einer Bezugnahme auf alle weiteren unmittelbar in den Konflikt involvierten Instanzen nicht gegeben zu sein.

Die Situation jüdischer Menschen in den palästinensischen Gebieten, die Position Mahmud Abbas´ bzgl. der Friedensverhandlung und die Dichotomie von Angriff und Verteidigung spielen also für eine objektive Beurteilung offensichtlich keine Rolle. Im Gegenzug ist man durchaus bereit, den Rückfall in die Barberei, wie er sich am 11. September oder jüngst dem Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse ereignete, als Reaktion auf die Politik der entsprechenden Adressaten zu verstehen.

Wer so unverschämt mit zweierlei Maß zu messen beliebt und nur durch die bloße Worthülse – das Existenzrecht Israels anzuerkennen – glaubt seine Solidarität zu bekunden, der ist entweder an Bigotterie kaum zu überbieten oder im Fremdwörterduden grob in der Zeile verrutscht. Denn ein Solidaritätsbegriff , der sich scheinbar aller Inhalte erfolgreich entledigen konnte, vermag es, sich im Munde eines jeden Opportunisten als Wohlgesinnung zu gerieren, ohne dass ihm nur der kleinste Anflug von Argwohn entgegenschlägt. So werden Äußerungen von Szeneaktivisten, die meinen, sie wären zwar nicht solidarisch mit dem Staat Israel, aber mit den dort lebenden Menschen, bereits als gütige Anerkennungsgeste verstanden. Lässt man eine solche Aussage allein unter Betrachtung der demographischen Struktur Israels gedanklich Revue passieren, fördert man zu Tage, was all die kritischen Freunde im Verborgenen zu halten versuchen: der Antisemitismus und seine Opfer sind ihnen gleichgültig und deshalb keiner Erwähnung wert.

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Contre Le Gravitation, 

Elendsverwaltung und Strafbedürfnis der linken Massenmenschen. Über den Zusammenhang von Schweinesystem und Schweinestall, >.

Februar 28, 2013
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Nach dem palästinensischen Anschlag auf Olympia 1972 schrieb Ulrike Meinhof in der Haft ein Papier “zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes”. Darin lobte sie die Geiselnahme jüdischer Sportler als beispielhaft und attackierte die Bundesrepublik, weil sie Israel “sein Wiedergutmachungskapital” bezahlt und Waffen geliefert habe.

Meinhof zufolge hätten die Terroristen “Geiseln genommen von einem Volk, das ihnen gegenüber Ausrottungspolitik betreibt” – in ihrem Verständnis ein legitimes Mittel. Gerade der Angriff auf die als Kontrast zu den Olympischen Spielen von 1936 organisierten “fröhlichen Spiele” von München hätte die Parallelität beider Großereignisse offengelegt.

Diese Argumentation überzeugte seinerzeit nicht einmal Gudrun Ensslin, die wohl erkannte, dass sich die RAF durch ein solches Manifest nur noch weiter isolieren konnte. Jedenfalls polemisierte sie im internen “Info-System” gegen das Meinhof-Papier, das sie allerdings irrtümlich dem ebenfalls inhaftierten Holger Meins zuordnete. Offenbar war der Israel-Hass in der RAF-Führung allgegenwärtig.

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Welt Online - 25.02.13

(Quelle: dernaldo)

Februar 26, 2013
"Die Studenten der Universität von Oxford wollen in diesen Tagen über einen Boykott von Israel abstimmen. Das ist im Prinzip eine gute Idee, obwohl sie eigentlich niemand dazu zwingt, Hebräisch zu lernen, Maccabi-Bier zu trinken und ihre Ferien in einem Kibbutz im Negev zu verbringen. Allerdings - wenn sie Israel nachhaltig boykottieren wollen, brauchen sie ihre Ärsche nicht mal von der Stelle zu bewegen. Sie müssen nur ihre Laptops entsorgen und die USB-Sticks aus dem Fenster werfen. Die ersten enthalten in Israel produzierte Teile, die letzten wurden in Israel erfunden. Das wäre doch mal ein Boykott, der einen Sinn ergibt. Und auf Skypen müssten sie auch verzichten, die kleinen Klugscheißer von Oxford."

— Henryk M. Broder, Auch boykottieren will gelernt sein.

(Quelle: morgenthau)

Februar 26, 2013
Die Deutschen sind so neurotisch wie ich

“Wenn die einzige Person, die du in der Welt kritisierst, der israelische Ministerpräsident ist und das einzige Problem für dich der israelisch-palästinensische Konflikt, dann bist du blind, taub, naiv und ein Idiot. Außerdem ein Antisemit.” Tuvia Tenenbom. 

Februar 24, 2013
"Wann ist jemand ein Antisemit? Wenn du denkst, dass die Juden von Natur aus anders sind oder 70 Prozent des Geldes in der Welt kontrollieren, bist du ein Antisemit. Du magst es nicht wissen, aber du bist einer. Wenn du denkst, dass die Juden Barack Obama oder den amerikanischen Kongress kontrollieren, bist du ein Antisemit. Wenn die einzige Person, die du in der Welt kritisierst, der israelische Ministerpräsident ist und das einzige Problem für dich der israelisch-palästinensische Konflikt, dann bist du blind, taub, naiv und ein Idiot. Außerdem ein Antisemit…."

— Tuvia Tenenbom, http://jungle-world.com/artikel/2013/08/47196.html

(Quelle: naipan, via abgrundtiefe)

Februar 21, 2013
"Die Juden verkörpern die Ablehnung der Mythen, den Verzicht auf Götzenbilder und die Anerkennung einer Ethik, die sich in der Achtung vor dem Gesetz ausdrückt. Was Hitler im Juden vernichten will, ist gerade der vom Mythos befreite Mensch."

—  Maurice Blanchot, zit. nach Béla Grunberger/Pierre Dessuant, Narzißmus, Christentum, Antisemitimus. Eine psychoanalytische Untersuchung, Stuttgart 2000. 

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